Manche Fotomotive leiden unter ihrem eigenen Erfolg. Man begegnet ihnen quasi überall: in Zeitschriften, auf Postern und natürlich im Netz. Schon Walter Benjamin kam in seinem Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ zu dem Schluss, dass ein Kunstwerk, durch die Möglichkeit der massenhaften Reproduktion seine Aura verliere. Und er konnte die Instagramisierung der Welt nicht einmal erahnen. Unzählige Uploads, Shares und Zitate treiben sie immer tiefer ins kollektive Bewusstsein. Und lassen sie dabei oft immer langweiliger wirken. Manche Fotografen meiden daher solche Orte. Ein Fehler, wie ich finde. Warum ich mich von bekannten Motiven nicht abschrecken lasse, erkläre ich in diesem Beitrag.
Ikonische Orte, die ein Bild vorwegnehmen
Nehmen wir ein prominentes Beispiel: Der Leuchtturm Westerheversand ist einer der am häufigsten fotografierten Orte an der deutschen Küste. Er ist ein beliebtes Motiv, das auf Kalendern landet, in Reiseführern auftaucht und in der Werbung verwendet wird. Auch in sozialen Netzwerken wie Instagram begegnen einem Aufnahmen des Turms immer wieder. Wer nach Westerhever fährt, hat die Bilder praktisch schon im Kopf, lange bevor er überhaupt dort angekommen ist.
Und trotzdem zieht es mich immer wieder dorthin.

Warum bekannte Motive nie gleich aussehen
Manchmal frage ich mich, warum das so ist. Ich fotografiere seit vielen Jahren. Manche Bauwerke oder Landschaften habe ich wahrscheinlich hunderte Male abgelichtet. Trotzdem sah kein Bild jemals genau aus wie das andere. Früher™ dachte ich, das Besondere läge im Motiv selbst. Irgendwann wurde mir klar: Ein schönes Motiv ergibt nicht unbedingt ein schönes Foto. Tatsächlich kann man auch sehr langweilige Fotos von schönen Motiven machen. Denn das Motiv selbst ist nur ein Bestandteil. Manchmal sogar nicht einmal der wichtigste.

It’s the light, Stupid
Das eigentlich Spannende passiert drumherum. Ein gutes Foto entsteht erst durch Licht, Atmosphäre und den richtigen Moment.
Alles verändert sich mit dem Licht. Mit dem Wetter auch. Mit der Stimmung sowieso. Ein Ort, der mittags bei flachem Sonnenlicht fast langweilig (und oft überfüllt) wirkt, kann am Abend plötzlich magisch aussehen. Eine dicke Wolkendecke ist meist interessanter als perfekter blauer Himmel. Nebel kann einem bekannten Motiv Geheimnisse eine ganz besondere Stimmung verleihen. Und nachts wird selbst ein totfotografierter Leuchtturm plötzlich wieder zu einem mystischen Ort.

Wind, Wetter und Weite
Westerheversand habe ich inzwischen zu den unterschiedlichsten Tageszeiten fotografiert. Tagsüber mit dramatischen Wolkenformationen oder bei nahezu wolkenlosem Himmel. Während des Sonnenuntergangs, zur blauen Stunde oder tief in der Nacht unter dem Sternenmeer. Mal war ich ganz nah dran. Mal ist der Turm auf meinen Bildern winzig klein irgendwo in der unglaublichen Weite des Watts zu sehen. Manchmal grasen Schafen im Vordergrund oder ich nutze (außerhalb der Brutsaison) den Stockenstieg als Führungslinie. Ich bin, seitdem ich in Schleswig-Holstein lebe, wirklich oft dagewesen. Und trotzdem wirkt der Ort jedes Mal anders.

Tob‘ dich aus
Natürlich spielt auch die Perspektive eine Rolle. Gerade bei bekannten Motiven lohnt es sich, Dinge auszuprobieren, die andere vielleicht nicht machen. Andere Blickwinkel. Ungewöhnliche Brennweiten. Positionen, bei denen man erst einmal denkt: „Das macht wahrscheinlich niemand außer mir.“
Und oft stimmt das sogar. Manchmal merkt man ziemlich schnell, warum bestimmte Perspektiven nie fotografiert werden. Weil der Vordergrund chaotisch ist. Weil die Linien nicht funktionieren. Weil das Bild am Ende einfach langweilig oder unverständlich ist. Aber in der Fotografie nehme ich ein Scheitern gerne in Kauf. Denn ich lerne daraus.
Manchmal wird man aber durchaus für seinen Mut belohnt.
Dann entsteht plötzlich ein Foto, das trotz des bekannten Motivs ganz anders aussieht. Nicht komplett neu (das ist bei ikonischen Orten ohnehin fast unmöglich) aber zumindest mit ganz persönlicher Note.

Genau darin liegt für mich der Reiz solcher Orte: Ich kann und will das Motiv selbst nicht neu erfinden, aber einen ganz eigenen Blickwinkel darauf finden. Oder mit dem Wetter gemeinsam ein schönes Bild komponieren.
Was noch für bekannte Motive spricht
Bekannte Motive haben dabei sogar einen großen Vorteil. Man kann sich hervorragend vorbereiten. Man weiß, wie man hinkommt. Wo man parken kann. Wie das Licht zu bestimmten Jahreszeiten fällt. Welche Wetterlagen funktionieren könnten. Welche Brennweiten sinnvoll sind. Und auch, wann man damit rechnen muss, dass viele Menschen vor Ort sind. Und wann auch nicht.
Interessant finde ich, dass man die ikonischsten Plätze der Welt immer wieder allein für sich haben kann. Mit meiner Familie bin ich oft tagsüber unterwegs. Auch in Westerhever. Das ist toll für Spaziergänge, aber man teilt sich den Ort dann auch mit vielen Menschen. In den frühen Morgen- oder späten Abendstunden ist man dagegen meist allein. Das funktioniert selbst in Venedig 😉

Einen Nachteil gibt es aber. Viele dieser Orte sind zu diesen Zeiten kaum mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Gerade im Hinterland Norddeutschland endet die fotografische Freiheit oft ziemlich abrupt am Fahrplan. Gut, wenn man da mit dem Auto unterwegs ist und sich davon freimachen kann.
Für mich haben ikonische Orte nichts von ihrer Faszination verloren. Ich werde auch in Zukunft immer wieder an genau solche Plätze zurückkehren. Sie sind ein wenig wie alte Bekannte: Man glaubt, sie längst zu kennen. Und dann überraschen sie einen doch wieder. Licht, Wolken, Nebel, Sterne verändern alles und geben mir Raum, zu experimentieren. Gerade weil sie so oft fotografiert wurden, fordern sie mich heraus, meinen eigenen Blick zu finden. Ich weiß schon vorher, dass es von diesen Orten tausende Fotos gibt. Kehre aber zurück mit einem Bild, das nur ich so gesehen habe.



















Ich bin Fotograf, Nordlicht und Hinterlandexperte. Diese Seite ist mein Herzensprojekt. Sie ist ein Ort für meine Leidenschaft zur Fotografie abseits meines Hauptberufs (mehr dazu unter matthias-suessen.de).
Seit vielen Jahren bewege ich mich mit Kamera und Notizbuch zwischen norddeutschen Küsten, weiten Landschaften, düsteren Mooren und urbanen Räumen, immer auf der Suche nach Licht, Struktur und Atmosphäre.
Mit Leidenschaft, Kamera und Drohne im Gepäck fange ich die Schönheit des Alltäglichen ein. Meine Bilder laden zur Entschleunigung ein und spiegeln meine langjährige Erfahrung in der Landschafts- und Architekturfotografie wider.
Lass dich von meinen Bildern entschleunigen und begleite mich an Orte, an denen die Zeit stillzustehen scheint.
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