Säbelschnäbler, Seeadler und Sonnenfinsternis: Als Vogelwart auf der Hamburger Hallig

Was passiert, wenn ein Städter und sein zwölfjähriger Sohn ihren Alltag für ein paar Tage gegen das Leben in einer einfachen NABU-Hütte mitten im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer eintauschen? Zunächst wirkt die Landschaft leer und endlos. Doch mit jedem Tag schärft sich der Blick, verändert sich unsere Wahrnehmung, bis sich das vermeintliche Nichts in eine wahnsinnig lebendige Welt verwandelt. Seeadler, Säbelschnäbler, sternenklare Nächte und eine Sonnenfinsternis machen diese Tage zu einem Abenteuer, das wir so schnell nicht vergessen werden. Doch der Reihe nach.

Der Schafberg ist ein Sechstausender. Fast. Jedenfalls, wenn man seine Höhe in Millimetern angibt. Gut 5.900 davon muss man bis zu seinem Gipfel erklimmen.

Das klingt zunächst wenig beeindruckend. Doch in der nahezu vollkommen flachen Landschaft der Hamburger Hallig ist die Warft die höchste Erhebung. Sie ist sogar etwas höher als der Schutzhügel auf der eigentlichen Hamburger Hallig. Ihnen gemeinsam ist, dass sie menschlichen Ursprungs sind. Denn bei einer Warft handelt es sich um eine Bodenaufschüttung. Auf ihr können sich Menschen und Tiere bei einer Sturmflut zurückziehen.

Dieses Prinzip hat sich seit Jahrhunderten bewährt. Die ersten künstlich aufgeworfenen Hügel im Küstenbereich werden auf das 3. Jahrhundert v. Chr. datiert. Bis heute werden die Salzwiesen rund um die Warft regelmäßig überflutet.

Wolken, Weite und Watt: Das NABU-Haus auf dem Schafberg.

Leben mitten im Nationalpark

Die Hamburger Hallig ragt als lang gestreckte Halbinsel ins Wattenmeer hinein. Die großflächige Salzwiesenlandschaft gehört seit 1985 zum Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Große Teile der Salzwiesen werden nicht mehr beweidet und können sich daher weitgehend natürlich entwickeln. Das Gebiet ist für zahlreiche Vogelarten ein wichtiger Brut- und Rastplatz.

Mein Sohn war immer mit vollem Eifer dabei. Schon nach kurzer zeit übernahm er die Führungen.

Für einige Tage wird die NABU-Infohütte unser Zuhause sein. Wir haben uns im vergangenen Jahr darum beworben, die Naturschutzorganisation bei Betreuung des Schutzgebietes zu unterstützen. Dazu gehört auch die naturkundliche Öffentlichkeitsarbeit sowie die Beobachtung der Vogelbestände. Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist es, Besuchergruppen zu begrüßen und ihnen die Besonderheiten der Landschaft sowie der Flora und Fauna zu zeigen. Eine Aufgabe, die wir gern übernehmen. Denn die Faszination für diese Landschaft hat auch uns längst erfasst.

Wer auf dem Schafberg steht, versteht schnell, was ich ich meine: Der Blick reicht weit über die Salzwiesen hinaus bis ins Wattenmeer. Tasächlich kommt hier so etwas wie Gipfelfeeling auf. Denn der Hügel ist nicht nur eine sichere Erhebung, auf die sich Menschen und Tiere bei einer Sturmflut zurückziehen können, sondern auch ein hervorragender Aussichtspunkt für die Natur- und Vogelbeobachtung.

Dafür stellen wir den Gästen wir den Gästen vor Ort gerne einige Spektive zur Verfügung. Auf Wunsch richten wir sie auch gerne aus und erzählen, welche Vögel es gerade zu sehen gibt. Wer zum ersten Mal durch ein Spektiv schaut und den Tieren dabei so nah sein kann, vergisst das nicht so schnell. Ich erinnere mich noch gut an meine erste eigene Vogelbeobachtung durch das Fernrohr. Es war ein Aha-Erlebnis. Auf dem Schafberg können wir dieses Erlebnis nahezu täglich in den Gesichtern der Besucherinnen und Besucher wieder und wieder miterleben. Es ist großartig, sich anschließend mit diesen glückseligen Menschen zu unterhalten.

Säbelschnäbler vor der Haustür

Besonders häufig sehen wir Säbelschnäbler. Mit ihrem schwarz-weißen Gefieder, den langen, blaugrauen Beinen und dem auffällig nach oben gebogenen Schnabel gehören sie zu den unverwechselbaren Vögeln des Wattenmeers. Sie werden schnell zu unseren Lieblingsvögeln. Das liegt auch daran, dass wir sie durch das Spektiv bei der Nahrungssuche beobachten können, obwohl sie recht weit von uns entfernt sind. Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie sie mit ihren langen Beinen durch flache Tümpel waten und ihren leicht nach oben gebogenem Schnabel im Wasser nach Nahrung suchen.

Säbelschnäbler bei der Arbeit. Ein gern gesehener Gast.

Die wohl treuesten Besucher während unseres Aufenthalts sind die Schwalben. Denn die Infohütte ist, wie auf einem Schild zu lesen ist, ein Schwalbenfreundliches Haus. Dieser Einladung sind vor allem Mehl- und Rauchschwalben gefolgt. Sie haben ihre Nester überall an der Hütte und sind permanent mit der Versorgung ihrer Brut beschäftigt. Ständig fliegen sie in unmittelbarer Nähe um den Schafberg, um Insekten zu fangen.

Fotografisch sind die kleinen Vögel eine echte Herausforderung. Sie sind unglaublich schnell und ändern im Flug ständig die Richtung. Oft sind sie schon wieder aus dem Sucher verschwunden, bevor der Autofokus sie überhaupt erfasst hat. Mehr als einmal verrenke ich mir den Hals, während ich versuche, ihnen zu folgen und dabei immer wieder kläglich scheitere.

Fotografisch eine Herausforderung, aber immer wieder schön zu beobachten: Rauchschwalbe im Anflug an ihr Nest.

Daneben beobachten wir zahlreiche weitere Vogelarten, denn im Nationalpark Wattenmeer sind mehr als 400 Arten zumindest zeitweise heimisch. Besonders beeindruckend sind die Seeadler, die hoch über uns kreisen, und ein großer Schwarm Kormorane auf dem Weg zu seinen Rastplätzen.

Noch beeindruckender finde ich allerdings, wie stark sich unsere Wahrnehmung verändert. Als wir ankamen, blickten wir zunächst auf eine schier endlose, fast leere Landschaft, die für sich genommen schon wunderschön ist. Doch je länger wir hier sind, desto weiter rückt der Alltag in den Hintergrund. Wir lernen, genauer hinzusehen und hinzuhören. Je tiefer wir eintauchen, desto mehr füllen sich diese scheinbare Leere und diese unglaubliche Weite mit Leben.

Überall sind Vögel: Vor uns hüpft eine leuchtend gelbe Schafstelze aufgeregt durchs Gras, weiter hinten suchen Watvögel im Schlick nach Nahrung und noch weiter hinten steigt ein Schwarm Stare auf. Apropos Stare: Wir haben uns besonders gefreut, einen dieser kleinen Vögel retten zu können, der sich bei uns im Schornstein verflogen hatte und den Ausweg nicht mehr fand.

Naturvermittlung im Dialog

Die Betreuung der Besucherinnen und Besucher ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit beim NABU. Unterschiedlichste Gründe führen sie auf den Gipfel. Manche kommen gezielt wegen der Vogelwelt, andere halten auf dem Weg zum Hallig-Krog (sehr zu empfehlen) eher zufällig an oder nutzen die etwa auf halbem Weg zur Hamburger Hallig gelegene Schutzhütte für eine Zwischenrast. Einige kennen sich hervorragend aus, andere blickten zum ersten Mal bewusst auf einen Säbelschnäbler. Ganz besonders sind die vielen Begegnungen mit ehemaligen Hallig-Warten. Wer einmal hier war, kommt immer wieder.

Unsere Aufgabe besteht nicht darin, möglichst viele Fakten herunterzubeten. Viel wichtiger ist es, die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was gerade zu sehen ist: ein Austernfischer im Flug, eine Gruppe Säbelschnäbler im Watt oder die besonderen Pflanzen der Salzwiese. Auch davon gibt es hier reichlich zu entdecken.

Auch in den Austernfischer habe ich mich verliebt. Mit seinem leuchtend orangen Schnabel ist er schon von Weitem zu erkennen.

Auch für meinen Sohn ist der Aufenthalt eine besondere Erfahrung. Bereits am ersten Tag übernimmt er eigenständig die Führungen und begeistert (ich bin tatsächlich mehrfach darauf angesprochen worden) die Besucherinnen und Besucher mit seiner lebendigen Art, von der Natur und Kulturgeschichte der Hamburger Hallig zu erzählen. Dieser Austausch mit Interessierten bereitet uns beiden sehr viel Freude.

Alleine im Nationalpark: Wenn die letzten Besucher gehen

Tagsüber sind wir oft mehrere Stunden lang mit Besucherinnen und Besuchern im Gespräch. Am Abend verändert sich die Hamburger Hallig und zeigt ihr zweites Gesicht. Mit den letzten Tagesgästen, die zum Deich zurückradeln, verstummen die Stimmen und Fahrradklingeln und es fahren irgendwann auch nur noch vereinzelt Autos über den Damm. Der Lärm der Zivilisation weicht allmählich einer Ruhe, wie man sie im Alltag nur selten erlebt. Ich kann mich jedenfalls kaum daran erinner. In dieser Ruhe kann man nach und nach Geräusche hören, die sonst untergehen, wie das Rauschen des Windes in den Salzwiesen oder das leise Gezwitscher der Watvögel. Ihnen zu lauschen, ist einfach traumhaft und hat eine sehr beruhigende Wirkung.

Abends wird es schnell ruhig auf der Hallig, wenn die letzten Besucher das Gebiet verlassen.

In meiner Begeisterung wiederhole ich mich gerne. In einem Nationalpark zu übernachten, ist ein Privileg, das mit Geld nicht zu bezahlen ist. Normalerweise ist das Schlafen in Schutzgebieten aus gutem Grund nicht erlaubt. Als Freiwillige dürfen wir hingegen dort bleiben, wo andere am Abend gehen müssen. Meist sind wir dann irgendwo rund um die Hütte unterwegs. Solange es geht, sind wir draußen.

Ruhepol mitten in den Salzwiesen. Nachts wurde es schnell einsam auf dem Schafberg.

Was sollen wir auch drinnen? Die Hütte hat ja keinen Stromanschluss. Was zunächst wie eine Einschränkung klingt, macht schnell den Reiz des Aufenthalts aus. Es gibt keinen Fernseher, kein Internet und auch das Handy funktioniert zum Glück nur eingeschränkt. Fernab von Straßenlaternen, Leuchtreklamen und hell erleuchteten Siedlungen findet man hier außerdem echte Dunkelheit. Die ist ja nur noch selten zu finden. Das ist ein großes Problem für Mensch und Tier. Insgesamt sind mehr als 80 % der Weltbevölkerung von Lichtverschmutzung betroffen, in Europa und den Vereinigten Staaten sind es über 99 %. Auch davon findet man hier draußen Erholung.

Die Milchstraße über den Salzwiesen

Für Fotografen ist dies ein weiterer, kaum beachteter Vorzug des Nationalparks. An klaren Nächten kann man über der Hamburger Hallig unzählige Sterne sehen. Auch die Milchstraße ist mit bloßem Auge erkennbar.

Auch deshalb bin ich hier. So stelle ich mehr als einmal zu später oder früher Stunde meine Kamera auf das Stativ und warte, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Anschließend ist es einfach. Astrofotografie ist erstaunlich unkompliziert. Im Grunde braucht es nur eine Kamera, die auch bei hoher ISO-Empfindlichkeit wenig rauscht, ein lichtstarkes Objektiv mit großer Blende und ein gutes Stativ. Die Einstellungen vor Ort sind schnell gemacht, auch bei absoluter Dunkelheit: Ich öffne die Blende so weit wie möglich, erhöhe den ISO-Wert soweit wie nötig und belichte das Bild für etwa 20 Sekunden.

Auf den derart lang belichteten Aufnahmen tritt die Milchstraße immer deutlicher hervor. Das schwache Licht der Sterne reicht aus, um die Umrisse des Schafbergs und der Salzwiesen sichtbar zu machen. Lediglich bei der Hütte habe ich etwas nachgeholfen. Um sie noch deutlicher hervorzuheben und bewohnt wirken zu lassen, habe ich eine sehr schwache Taschenlampe in unser Wohnzimmer gestellt.

Nachts im Nationalpark zu sein, ist aber auch ohne Kamera definitiv ein Erlebnis. Mein Sohn und ich legen uns oft einfach in die Salzwiesen und lassen die schier endlose Weite des Nachthimmels über der Dunkelheit des Nationalparks auf uns wirken. Das ist ein Erlebnis, das wir beide wohl nicht vergessen werden. Wir kommen uns winzig klein vor und fühlen uns in dieser Einsamkeit weitab von anderen Menschen dennoch vollkommen geborgen. Es gibt wohl kaum einen friedlicheren Ort auf Erden.

Ein unverhofftes Himmelsschauspiel

Dass ausgerechnet während unseres Aufenthalts am 12. August eine partielle Sonnenfinsternis zu sehen sein würde, hatten wir nicht geplant. Es war ein glücklicher Zufall. Am Abend schiebt sich der Mond vor die Sonne und verdeckt sie in Norddeutschland zu etwa 85 Prozent. Sowohl am Hallig-Krog als auch auf dem Deich haben sich zahlreiche Menschen versammelt, um das seltene Schauspiel zu verfolgen. Auf dem Schafberg dagegen sind mein Sohn und ich ganz allein.

Unverhofftes Erlebnis: Die partielle Sonnenfinsternis am 12. August. Ich bin darauf gar nicht vorbereitet, so dass wir uns das Spektakel nur über die Kamera anschauen können.

Während sich der Mond allmählich vor die Sonne schiebt und für zunehmende Verdunkelung sorgt, scheinen die Vögel um uns herum schier auszuflippen. Vor allem die Schwalben jagen in großer Zahl nach Insekten und schießen rastlos an uns vorbei. Für einen kurzen Moment taucht das Himmelsschauspiel die Landschaft in ein eigentümliches Licht. Dann gibt der Mond die Sonne wieder frei und auf dem Schafberg kehrt der Abend zurück.

Ein Ort, der uns verändert hat

Es war ein Experiment, mit meinem Sohn allein in einer Schutzhütte weit vor den Deichen zu leben. Die Tage auf dem Schafberg waren eine Mischung aus Freiwilligenarbeit, Naturbeobachtung, Vater-Sohn-Zeit und fotografischem Abenteuer. Wir haben Gästen die Vogelwelt nähergebracht und dabei selbst unendlich viel gelernt. Wir durften erleben, wie sich die Landschaft und die Natur verändern, wenn die Menschen gehen, und wie sich unser Bild von der Hamburger Hallig schon nach kurzer Zeit gewandelt hat.

Magische Sonnenuntergänge mit Schafen. Das Leben auf der Hallig ist schön 😉

Es sind nicht nur die Begegnungen mit Seeadlern und Säbelschnäblern oder der Blick in die Milchstraße, die uns in Erinnerung bleiben. Es ist das Zusammenspiel von Weite, Wind, Licht und Dunkelheit, das uns in seinen Bann gezogen hat. Und das wohlige Gefühl, ein kleiner Teil der Geschichte des Schafbergs geworden zu sein. Ein Berg, der mit 5,90 Metern zwar nicht besonders hoch ist, dessen Gipfelpanorama sich aber tief in unsere Erinnerungen eingebrannt hat.

Dass Birding laut Spiegel neuerdings als ziemlich cool gilt, ist da nur eine amüsante Randnotiz. Zum Ornithologen tauge ich zwar sicher nicht mehr, doch die Begeisterung für die Vogelwelt hat mich gepackt. Der Wunsch zu lernen ist bei meinem Sohn und mir jedenfalls geweckt. Wir kommen gerne wieder.

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