Münster ist eine der meistfotografierten Städte Westfalens. Ich dagegen habe die Stadt fotografisch jahrelang unterschätzt. Bis ich eines Nachts auf dem Prinzipalmarkt ein Motiv entdeckte, das 500 Jahre Stadtgeschichte in einem einzigen Bild vereint. Und mich dazu brachte, Fotografen-Yoga auf dem Kopfsteinpflaster zu betreiben.
Nicht, dass das falsch rüberkommt: Ich bin immer wieder gerne in Münster. Sobald ich aus dem Zug steige, fühlt es sich gemütlich an. Fahrräder bestimmen das Bild und das Zentrum ist überschaubar. Genau diese Atmosphäre führt dazu, dass Münster oft unterschätzt wird. Obwohl hier über 300.000 Menschen leben, fühlt es sich für mich immer eher nach einer gemütlichen Kleinstadt an als nach einer echten Großstadt. Genau diese Gemütlichkeit war aber auch mein Problem. Zumindest, wenn ich als Fotograf unterwegs war.
Mindestens zwei bis dreimal pro Jahr führt mich mein Job in die Stadt. Aufgrund der Entfernung reise ich am Vorabend von Workshops an. Und da ich es überhaupt nicht mag, meine Abende alleine in Hotelzimmern zu verbringen, gehe ich gerne spazieren. Auch in Münster. Und die Stadt ist wunderschön. Aber lange Zeit dachte ich auch: Fotografisch ist sie einfach nicht reizvoll. In meinem Kopf war Münster zu brav, zu aufgeräumt und hatte zu wenig Ecken und Kanten für spannende Bilder. Die Kamera blieb also oft im Rucksack.
Es hat etwas gebraucht, aber nach und nach wurde mir klar, wie extrem ich mich da getäuscht habe. Und ganz ehrlich: Ich lerne gerne dazu! Wenn man aufhört, nach spektakulären Fotospots zu suchen, bietet Münster unendlich viele Motive. Die durchaus spektakulär sind, sich aber oft erst auf den zweiten Blick offenbaren. Man muss nur genau hinsehen. Und die Chancen nutzen, die einem Wind, Wetter und Licht bieten.
Auf dem Prinzipalmarkt oder: Die dunkle Seite der Prachtstraße

So kam es, dass ich irgendwann mal zu später Stunde auf dem Prinzipalmarkt stand. Nachts verändert Münster sein Gesicht. Wenn die Touristenströme versiegt sind, die Studierenden längst zu Hause sitzen und die historischen Fassaden nur noch schwach vom gelben Licht der Laternen angestrahlt werden, wird die Stadt zu einer Zeitmaschine. Vor kurzem habe ich Die Stadt der Auserwählten von Michael Römling gelesen, einen Roman, der vom Aufstieg und Niedergang des Täuferreichs von Münster erzählt. Und muss daran denken, als ich auf den Lambertiturm blicke. Denn dort hängen noch immer drei Eisenkörbe. 1536 wurden darin die Leichname von Jan van Leiden, Bernd Krechting und Bernd Knipperdolling zur Schau gestellt, nachdem man sie auf dem Platz vor der Kirche öffentlich zu Tode gefoltert hatte.
In dieser Nacht schien die Grenze zwischen Gegenwart und der blutigen Historie von 1536 gefährlich dünn zu sein.“Alleine zwischen den historischen Fassaden mit Blick auf den Lambertiturm und den daran bis heute befestigten befestigten Eisenkörbe. In ihnen wurden 1536 die Leichname der drei Anführer des Täuferreichs von Münster Jan van Leiden, Bernd Krechting und Bernd Knipperdolling zur Schau gestellt, nachdem sie auf dem Platz vor der Kirche öffentlich gefoltert und hingerichtet worden waren.
Vor mir auf dem Boden entdecke ich einen Gullideckel mit einer Friedenstaube darauf. Was für ein symbolträchtiger Vordergrund für ein Foto der Lambertikirche. Er bringt zwei wichtige Episoden in der Geschichte der Stadt zusammen: ganze Geschichte Münsters zusammenfasst. Wo 1536 noch Folter und Tod herrschten, wurde 1648 Weltgeschichte geschrieben und der Dreißigjährige Krieg beendet.
Wer da selbst mal auf Motivjagd gehen will. Um das Bild zu schießen, habe ich ein Weitwinkelobjektiv auf meine Kamera geschraubt und ein wenig Fotografen-Yoga betrieben. Denn man muss für das Bild fast auf Tuchfühlung mit dem Kopfsteinpflaster gehen. Außerdem ist Geduld angesagt, wenn doch wieder einmal Autos durchs Bild fahren. Aber das Warten und die Verrenkungen lohnen sich. Nur so bekommt man diese enorme Tiefenwirkung und Dynamik ins Bild.
In der Gegend könnte ich nachts stundenlang bleiben. Tatsächlich laufe ich bei jedem Trip nach Münster zunächst einmal den Prinzipalmarkt rauf und runter. Was für eine Traumkulisse aus Giebelhäusern, Arkaden und warmem Licht. Gut, dass die Münsteraner hier nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg alles wieder detailgetreu aufgebaut haben.


Bei einem anderen Besuch hatte es kurz zuvor hatte es geregnet. Ehrlich gesagt liebe ich vermeintlich schlechtes Wetter UND die Tagesrandzeiten. Wer die Stadt nur bei Tageslicht kennt, verpasst das Beste: Wenn der Regen den Asphalt in einen Spiegel verwandelt, bekommt Münster einen fast venezianischen Touch. So entstehen Motive, die alles andere als kleinstädtisch wirken. Die Giebelhäuser und das Rathaus verdoppeln sich in den Pfützen. Plötzlich ist da diese perfekte Symmetrie, die jedes Fotografenherz höher schlagen lässt.



Aber Münster kann nicht nur Altstadt. Wer (wie ich lange Zeit) glaubt, Münster bestünde nur aus barockem Sandstein und Kopfsteinpflaster, ist auf dem Holzweg. Sobald man das historische Zentrum verlässt, reißt das Raum-Zeit-Kontinuum endgültig auf und gibt den Blick frei auf eine völlig andere Architektur.
Vom Barock zum Beton: Moderne Architektur in Münster
Münster kann nämlich auch richtig modern. Während die Bauklotz-Architektur im Nachkriegsdeutschland ja recht oft schnörkellose rechteckige Bauten hervorbrachte, gibt es in Münster viele fotografisch spannende Bauten. So wird selbst ein Parkhaus zum Hingucker.

Manchmal mag ich auch Klotzarchitektur. Zumindest als Motiv ist sie durchaus interessant, denn hier kann man herrlich mit Linien spielen. So zum Beispiel am Rand der Innenstadt beim Iduna-Hochhaus. Errichtet zwischen 1960 und 1961, gilt es heute als einer der wichtigsten Neubauten der 60er-Jahre in Münster. Mit seinem strengen und klaren Linien folgenden Stahlbetonskelett und der riesigen Glasfassade ist es ein so markantes Beispiel für die Moderne dieser Zeit, dass es mittlerweile völlig zu Recht unter Denkmalschutz steht. Darüber streiten sich die Geister natürlich. Auch auf mich wirkt der Bau auf den ersten Blick extrem massiv und fast ein wenig abweisend. Aber durch den Fotoapparat betrachtet, sieht die Welt doch immer etwas anders aus. Wie gewöhnlich, beginne ich auch hier um das Gebäude herumzuturnen und verschiedene Perspektiven auszuprobieren.
Aber irgendwie wirkt es mit seiner modernen Architektur ein wenig fehl am Platze, fast schon isoliert. Natürlich können Gegensätze durchaus spannend sein, aber hier fehlt (für mich) jede Form von Beziehung zwischen alt und neu. Beim Iduna-Bau gibt es zugegebenermaßen kaum Möglichkeiten, ihn „anders“ spannend einzufangen, als ihn in seiner schieren Höhe wirken zu lassen (belehrt mich gerne eines Besseren, wenn ihr einen geheimen Winkel gefunden habt! ;-)).

Das LVM-Areal ist da ein völlig anderes Kaliber. Hier ist alles neu. Wie beim Iduna-Bau gibt es auch hier viel Glas und Beton. Aber hier haben die Architekten die Gradlinigkeit durchbrochen. Durch die Schrägen und den gläsernen Verbindungsgang (Skywalk) in luftiger Höhe bieten sich hier unzählige Perspektiven. Während man sich mit der Kamera über das Gelände bewegt, entstehen ständig neue Fluchtlinien. Je nachdem, wo man steht, schneiden sich die Kanten in Winkeln, die fast schon surreal wirken. Und weil dort mehrere Glaskörper nah beieinander stehen, spiegeln sie sich gegenseitig.



Weiter geht es am Hafen (oder dem „Kreativkai“, wie er heute heißt). Irgendwie fasst er Münster für mich in einem Bild zusammen. Auf der einen Seite des Beckens stehen die massiven, alten Speichergebäude aus Backstein, wie der Flechtheimspeicher. Direkt daneben ragen die neuen Glasfassaden der Bürokomplexe auf. Es ist diese Mischung aus Industriegeschichte und kühler Moderne, die den Hafen so spannend macht. Hier prallen Welten aufeinander, die fotografisch ein absolutes Fest sind. Eins schöner Abschluss für einen abendlichen Spaziergang.

Natürlich kann man auch tagsüber in Münster fotografieren. Dazu werde ich in Zukunft sicher auch noch ein paar Worte verlieren und tiefer in die Street-Photography eintauchen. Für heute möchte ich es jedoch bei zwei Motiven belassen, die zeigen, wie abstrakt und grafisch Münster sein kann.


Das LWL-Museum für Kunst und Kultur ist ein absoluter Spielplatz für Minimalisten. Besonders die Außenfassade mit den silbernen Kugeln vor dem strahlend blauen Himmel haben es mir angetan. Und wer hätte gedacht, dass ein Behördengang so fotogen sein kann? Das Treppenhaus im Bürgerbüro ist ein echter Hingucker. Und nur tagsüber zugänglich. Es braucht ein wenig, die „perfekte“ Symmetrie zu finden. Aber auch hier zeigt sich, dass Münster selbst in funktionalen Bauten unzählige Motive bietet, die nur darauf warten entdeckt zu werden.
Fazit: Münster ist fotografisch ein Traum
Was soll ich sagen? Unterschätze niemals eine „schöne“ Stadt! Münster drängt sich nicht auf. Die Stadt wartet einfach darauf, gesehen zu werden. Ich freue mich schon auf meinen nächsten Besuch in Münster, jener Großstadt mit Kleinstadtflair, die so viel mehr zu bieten hat als nur Postkartenmotive.

Ich bin Fotograf, Nordlicht und Hinterlandexperte. Diese Seite ist mein Herzensprojekt. Sie ist ein Ort für meine Leidenschaft zur Fotografie abseits meines Hauptberufs (mehr dazu unter matthias-suessen.de).
Seit vielen Jahren bewege ich mich mit Kamera und Notizbuch zwischen norddeutschen Küsten, weiten Landschaften, düsteren Mooren und urbanen Räumen, immer auf der Suche nach Licht, Struktur und Atmosphäre.
Mit Leidenschaft, Kamera und Drohne im Gepäck fange ich die Schönheit des Alltäglichen ein. Meine Bilder laden zur Entschleunigung ein und spiegeln meine langjährige Erfahrung in der Landschafts- und Architekturfotografie wider.
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